Interview mit Raffalea Fahrenberger
Das Konzept Schlaffhorst-Andersen
atem austria: Liebe Raffaela, du bist staatlich geprüfte Atem-, Sprech- und Stimmlehrerin nach Schlaffhorst-Andersen. Das ist eine ungewöhnlich lange Berufsbezeichnung. Was verbirgt sich hinter diesem Titel?
Raffaela: Eine wunderbare, Körper und Geist belebende Arbeitsweise, in der die Wechselwirkung von Atem, Stimme und Bewegung im Mittelpunkt steht. Die Arbeit wurde zu Beginn des 20. Jahrhunderts von Clara Schlaffhorst und Hedwig Andersen mit ihrer Entdeckung des dreiteiligen Atem- und Lebensrhythmus begonnen und stetig weiterentwickelt. Heute gibt es über 2000 Atem-, Sprech- und Stimmlehrer:innen in Deutschland und ein paar Dutzend verteilt über den Rest der Welt.
atem austria: Da liegt die Vermutung nahe, dass sich die Ausbildungsstätte in Deutschland befindet?
Raffaela: Ja richtig, im Norden, im beschaulichen Bad Nenndorf bei Hannover. Dort startet zweimal pro Jahr eine neue Gruppe in die dreijährige Vollzeitausbildung, mit auswärtigem Praktikum im 4. Semester. Der Abschluss ist staatlich anerkannt. In Deutschland sind wir berechtigt, Stimm-, Sprech- und Sprachtherapie abzugeben, gleichgestellt mit den Logopäd:innen.
atem austria: Bedeutet das, Atem-, Sprech- und Stimmlehrer:innen arbeiten vorwiegend in der Therapie?
Raffaela: Die beiden Schulgründerinnen Schlaffhorst und Andersen nannten KIND, KUNST und KRANKHEIT als die drei wesentlichen Bereiche ihres Wirkens, daraus ergibt sich der pädagogisch-künstlerisch-therapeutische Ansatz und die breiten Anwendungs-möglichkeiten des Berufes.
Viele Kolleg:innen arbeiten tatsächlich im therapeutischen Bereich, mehrheitlich in Praxen, und auch Kliniken sowie Kindergärten und Schulen. Es sind aber auch viele von uns an Theatern, Musikuniversitäten und Musikschulen oder freiberuflich wie ich z.b. als Stimmtrainer:innen und Gesangslehrer:innen und Chorleiter:innen tätig.
atem austria: Und was sind deine Betätigungsfelder in Österreich? Du hast nun bald 25 Jahre Berufserfahrung, da kommt sicher einiges zusammen?
Raffaela: Die Vielfalt meines Berufes schätze ich wirklich sehr. Begonnen habe auch ich in einer logopädischen Praxis, noch in Deutschland, bin dann in meine Heimatstadt Wien zurückgekehrt und habe 2007 hier mein Label „stimmich“ gegründet. Seither habe ich im pädagogisch-künstlerischen Sinne mit so vielen verschiedenen Menschen gearbeitet – von Logopäd:innen über Lehrer:innen, Kirchenführer:innen und Krankenpflegelehrer:innen, zu Eltern mit ihren Babys in Musikgruppen und Senior:innen in einem Tageszentrum war bzw. ist alles dabei. Derzeit liegt mein Schwerpunkt auf Gesang, sowohl im Einzelunterricht als auch bei meinen Gruppen. Mein Hauptfeature „Singen statt Fernsehen“ besteht seit mehr als 18 Jahren – begonnen haben wir als Singgruppe mit einfachen Liedern und Kanons, und über die Jahre ist eigentlich ein 3-stimmiger Frauenchor daraus geworden, nur ohne Auftritte, es geht rein um die Freude am Singen.
atem austria: Welche Rolle spielt da noch die Atempädagogik in deiner Arbeit?
Raffaela: Der Atem ist immer die Nummer 1! Er ist ja die Grundlage für all unser Tun, und beim Singen kommt ihm eine im wahrsten Sinn des Wortes tragende Rolle zu. Eine freie, flexible Atmung ist die Basis für eine gesunde Stimmgebung, und deshalb stehen in meinem Unterricht Körper- und Atemübungen immer an erster Stelle.
Abgesehen davon biete ich im Sommerhalbjahr immer wieder Atemübungen am Morgen im Schlosspark Schönbrunn an. Und ab nächstem Jahr – pünktlich zum 20-Jahr-Jubiläum von „stimmich“ – soll es eine fixe wöchentliche Atem-Gruppe geben. Als Hauptthema der ersten Staffel denke ich an die 5 Regenerationswege nach Schlaffhorst-Andersen.
atem austria: Was kann ich mir denn unter den 5 Regenerationswegen vorstellen?
Raffaela: Unter Regeneration wird hier die Wiederherstellung der natürlichen Organfunktionen verstanden, vordergründig der Atmung, letztlich ist aber immer der ganze Mensch gemeint.
Das war ein Hauptziel von Clara Schlaffhorst und Hedwig Andersen, die schon in den 20er-Jahren des letzten Jahrhunderts beklagten, wie flach und unzureichend die Menschen atmen würden, bedingt durch das „moderne Leben“ damals. Wie viel mehr betrifft uns das heute!
Die 5 Regenerationswege sind Kreisen, Schwingen, Rhythmus, Atmen und Tönen. Sie entwickeln sich auseinander und bauen auf einander auf. In der Praxis sind es Bewegungs- und Wahrnehmungsübungen, die zum Wiederfinden des individuellen Atemrhythmus führen sollen und die Stimme stark mit einbeziehen. Clara Schlaffhorst nannte die Stimmarbeit sogar den „Königsweg“, um darüber am Atem zu arbeiten.
Damit landen wir ja auch wieder bei „stimmich“, und damit schließt sich der Kreis.
atem austria: Liebe Raffaela, vielen Dank für das spannende Gespräch!
Die Übung „Kreisen im eigenen Stand“, die uns von Raffaela zur Verfügung gestellt hat, finden Sie am Ende des Beitrages.
Kontakt und weitere Informationen:
Raffaela Fahrenberger atem-, sprech- und stimmlehrerin nach Schlaffhorst-Andersen
https://www.stimmich.com
Institut Schlaffhorst-Andersen, Bad Nenndorf, Deutschland
https://schlaffhorst-andersen.cjd.de/de
1. Juli 2026
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