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Interview mit Nadine Mauser

Atem und Stille

atem austria: Liebe Nadine, du hast deine Ausbildung im Atemhaus München gemacht. Wie hast du die Zeit dort erlebt?

Nadine: Ja, da ich aus Vorarlberg komme war der Weg nach München näher für mich und auch meine Kontakte gingen mehr in den Süden Deutschlands. Die sehr warme und annehmende Weise im Atemhaus München Herta Richter und die wertfreie Reflexion über das, was wir in der Erfahrung des Atems erlebten hat mir sehr gutgetan. Die Ausbildung war richtungsweisend und prägend für meinen inneren und äußeren Weg.

Einen weiteren Hintergrund, den ich mitbringe, ist die Lebensform in einer kontemplativen Ordensgemeinschaft, in der ich 23 Jahre lebte und meine Ausbildung begonnen habe. Vor nun fast vier Jahren, am Ende meiner Atemausbildung, wurde dann deutlich, dass mein Weg nicht in der Gemeinschaft weitergehen wird. So wohne ich jetzt in Dornbirn, wo ich im Seelsorgeraum der Kirche arbeite, Atemarbeit mache und auch Ikonen male.

atem austria: Und wie bist du im Kloster auf die Atemarbeit gekommen?

Nadine: Kennengelernt habe ich die Atemarbeit in Exerzitien, das sind Tage der Stille und geistlichen Vertiefung. Meine Begleitung im schönen Maria Kirchental in Salzburg war eine Atempädagogin. In Kombination mit den Gesprächen habe ich auch Atembehandlungen bekommen. Das hat mich in einer ganz besonderen Weise erreicht und es war mir sofort klar: die hier geht eine Spur weiter. So möchte ich wachsen!

atem austria: Wie zeigt sich dieser Hintergrund in deiner Arbeit?

Nadine: Gebet und Meditation waren und bleiben meine beständigen Begleiter. Sie sind der Boden und die Kraftquelle meines Lebens. Es hat mich schon immer fasziniert, wie sich durch Stille und Sammlung im Inneren Räume öffnen die das Leben lebendig machen, Gemeinschaft stiften, befrieden und helfen, mit manchen Herausforderungen und schwierigen Situationen klar zu kommen.

Theresa von Avila, die große Mystikerin des 16. Jh. beschreibt in ihrem Buch „Die innere Burg“ den Weg des Menschen zu seiner innersten Mitte. Die Burg ist dabei ein Bild für die Seele des Menschen, die in verschiedenen „Wohnungen“ zu Hause ist, und sich dort frei bewegen kann.

Die Atemarbeit ist für mich auch eine Einladung, neue Räume zu entdecken und zu spüren, dass wir uns darin frei bewegen können. Neu und wichtig war mir die sehr konkrete leibliche Erfahrung, die zu Selbstwahrnehmung und Gewahrsein führt. Wir bekommen ja Eindrücke von außen, durch unsere äußeren Sinnesorgane wie Sehen und Hören, wir bekommen aber auch Informationen durch die inneren Sinnesorgane wie Muskeln, Gelenke und Organe. In der Atemarbeit lernen wir, all diese Wahrnehmungen bewusst zu erforschen und sie wirklich ankommen zulassen. Dadurch eröffnen sich oft neue Perspektiven und Weisen, wie wir mit dem, was sich zeigt, umgehen können. Auch die Präsenz eines anderen Menschen in der Berührung kann dabei sehr hilfreich sein. Der Atem schafft die Verbindung zwischen den verschiedenen Ebenen. Romano Guardini beschreibt es so schön in seinem Wort: „Der Atem ist das schwingende Band zwischen Körper, Seele und Geist“. Er verbindet das Leben der Seele und des Leibes, die Außenwelt mit der Innenwelt und auch die Transzendente mit der materiellen Welt. Und als gläubiger Mensch sage ich auch: er verbindet Mensch und Gott.

Ich finde es ist wichtig, das Vertrauen in das Leben und in eine große, liebende Gegenwart zu stärken und gleichzeitig geht es in der Atemarbeit um Selbstermächtigung: Befähigt zu werden, schwierige Stationen durch konkrete körperliche Interventionen oder Übungen zu lösen oder zu lindern, d.h. „halten“ und durchtragen zu können, ohne sich dabei selber zu verlieren, das ist eine große Hilfe im Alltag.

atem austria: Du sagst „Leib“ und nicht „Körper“. Warum?

Nadine: Einige meiner Lehrer:innen im Atemhaus München haben das so gesagt und mich dadurch auch geprägt. Ich meine damit, dass es nicht nur um die Anatomie, Knochen und Organe geht. Der Körper ist kein Ding, sondern lebendig, fühlend, geprägt, offen für das Transzendente. Der Leib spricht mehr an, was ich von innen fühle. Aber man kann natürlich beides sagen.

atem austria: Welche Menschen kommen zu dir in Behandlung?

Nadine: Momentan finden Menschen zu mir, die körperlich stark auf verschiedene Umstände reagieren bzw. besonders empfindsam sind. Aber auch solche, die in einer persönlichen Krise sind und sich Unterstützung wünschen. Auch Ängste und Überforderungen sind dabei ein Thema. Und natürlich geht es immer auch um Wachstum, Persönlichkeitsentwicklung und Selbsterfahrung. Ich hoffe, dass diejenigen zu mir finden, denen ich dabei ein Stück helfen kann.

atem austria: Du sprichst von Gebet und Meditation. Wie spielt die Atemarbeit da hinein?

Nadine: Für die Meditation ist der Atem eine große Hilfe. Er schafft die Verbindung zu uns selbst und zum Hier und Jetzt. Denn der Atem ist immer jetzt. Außerdem kann er ein beständiger Bezugspunkt sein, damit wir uns beim stillen Sitzen nicht im Grübeln und in den Gedanken verlieren. Es braucht dabei keine komplizierte Technik. Das beständige Zurückkehren zum Atem und zur leiblichen Erfahrung, so wie sie jetzt sind, führt uns in den großen Rhythmus des Lebens. Er hilft uns auch, das zu integrieren, was sich zeigt, denn etwas zu verdrängen oder abzuspalten ist natürlich nicht der Weg zum Heil. Es geht immer um die Integration dessen, was sich zeigt. Dafür braucht es manchmal auch die Hilfe einer erfahrenen Person.

So wird aus der Meditation keine „selbstgefällige Innenschau“, sondern wir werden Teil von etwas, das weit über uns hinaus reicht. Wenn wir z.B. auf einem Berggipfel stehen und unsere Lebendigkeit ganz körperlich fühlen können, dann sind wir ganz bei uns selbst, aber auch Teil der Natur und darüber hinaus Teil eines großen Ganzen. Solche „Gipfelerlebnisse“ haben wir in irgendeiner Form sicher alle schon erfahren.

atem austria: Wie zeigt sich das konkret in deiner Arbeit?

Nadine: Es ist mir ein Anliegen, diese transzendente Ebene immer wieder anzusprechen und sie so in unser Bewusstsein zu holen. Wenn ich sage: „Der Boden trägt dich. Und wo du getragen bist, da musst du dich nicht halten“ dann heißt das auch: Ich darf vertrauen und loslassen, weil etwas mich trägt! Oder ich sage: „Immer neu schenkt sich der Einatem“. Tatsächlich dürfen wir uns bewusst sein, dass vieles ein Geschenk ist, das wir nicht „machen“ können. Manchmal, wenn es gewünscht ist, spreche ich vor der Behandlung auch ein Gebet.

Am Ende einer Gruppenstunde mache ich öfters eine Atemübung, die in die Stille und die Meditation führt. Die möchte ich euch gerne hier vorstellen. Die TeilnehmerInnen dürfen sich dafür bequem hinsetzen, so dass sie für 15 Minuten ruhig sitzen können oder sich auch auf den Boden legen. Ich beginne und beende die Übung mit dem Schlagen der Klangschale

atem austria: Liebe Nadine, da sind wir gespannt! Danke für das Interview.

(09/2026)

Die Übung „Atem und Stille“, die uns Nadine Mauser zur Verfügung gestellt hat, finden Sie am Ende des Beitrages.

https://atemraumdornbirn.at

12. Oktober 2026


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