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Interview mit Silvia Kockel-Fuchs

atem austria: Hallo Silvia, wie bist du zur Atemarbeit gekommen?

Silvia: Eine Freundin in Wien erzählte mir von Atemkursen mit Klara Wolf. Das faszinierte mich. Später lud ich meinen Mann, durch den ich seinerzeit in die Schweiz kam, hier zu einer Atemwoche ein.  Er war nach einem Unfall gehbehindert, ging seit Jahren an Krücken und konnte die Übungen nur teilweise im Sitzen mitmachen. Aber schon nach zwei Tagen ging er deutlich aufrechter und war nach dem ersten Widerwillen genauso begeistert wie ich. Diese Erfahrung zeigte mir so deutlich, wie sich der Atem nicht nur auf die reine Lungenfunktion bezieht, sondern den ganzen Menschen in seiner körperlichen und seelischen Vielfalt anspricht. Als eine berufliche Neuorientierung anstand, konnte ich in meiner Nähe die damals 4jährige berufsbegleitende Atemausbildung nach Prof. Ilse Middendorf absolvieren und 2003 bei Yvonne Zehnder in Zürich abschliessen. Wichtig war mir vor allem, eine Therapie zu erlernen, die nicht nur Theorie ist, sondern die ich auch an mir selbst immer wieder praktisch erleben und nachvollziehen kann.

atem austria: Wie hat sich deine Atemarbeit entwickelt?

Silvia: Verschiedene Fortbildungen in Psychologie und im Atem, besonders die Zusatz-ausbildung bei Stefan Bischof in Atempsychotherapie genauso wie die Atemtechnik nach
Dr. Konstantin Buteyko haben meinen Atemhorizont wertvoll erweitert. Neben der klassischen Behandlung in der Praxis auf der Liege habe ich viele Kurse gegeben. Die Klient:innen kommen mit den unterschiedlichsten Beschwerden, das fordert immer wieder heraus, die gewohnten Übungen kreativ weiterzuentwickeln. Ein Schlüsselerlebnis war für mich ein Wochenendkurs über Sehtraining in den Bergen, das überhaupt nichts mit Atem zu tun hatte. Es war verblüffend. Die meisten Teilnehmer:innen konnten bereits nach dem ersten Tag mit einfachen Augenübungen besser sehen!  Das motivierte mich, die Augenübungen mit dem eigenen, individuellen Atemrhythmus zu verbinden. Dadurch finden sie noch mehr Tiefgang.

Der Atem steht mit unserem ganzen Organismus ununterbrochen in Verbindung. Folglich logischerweise auch mit unseren Sinnesorganen. Das Erlebnis mit dem Sehtraining hat mich sehr beeindruckt, vor allem in Bezug zu der sich ständig verschlechternden Sehkraft unserer modernen Zivilisationsmenschen. Eine Brille zu tragen ist so selbstverständlich geworden, wir nehmen gar nicht mehr wahr, dass fehlsichtige Augen eigentlich nicht zur Normalität werden sollten. Sehtraining ersetzt nicht den Augenarzt, kann aber wesentliche Erleichterung und Verbesserungen bringen. In Österreich gibt es einzelne Sehtrainer, in der Schweiz sind sie im Berufsverband für Sehtraining www.sehtraining.ch organisiert. Hier werden laufend interessante Fortbildungen örtlich und/oder auf zoom angeboten.

In meiner Praxis beschäftigte ich mich zunehmend mit Atemübungen für die Augen. Das führte dann weiter. Kann ich auch etwas für die Ohren machen? Für das Riechen, Schmecken und Fühlen?  So kam ich zu Atmen für die Augen und später zu Atmen für die Sinnesorgane.

atem austria: Kannst du uns einige Beispiele geben, was wir für unsere Sinnesorgane tun können?

Silvia: Gerne. Als erstes, gerade jetzt, wenn der Frühling kommt:

Lass Licht in deine Augen: Stehe oder sitze bequem, im Freien, schließe deine Augen (ohne Brille) und lass die Sonne ruhig in dich hinein strahlen. Bewege langsam deinen Kopf in verschiedene Richtungen und spüre, wie sich das energiespendende Sonnenlicht in deinen Augen und weiter in dir ausbreitet. Immer mit geschlossenen Augen! Wenn du genug hast, reibe deine Handflächen aneinander und lege die hohlen Hände wie eine Schale über deine geschlossenen Augen, lass den Kopf dabei sinken und/oder wende dich Richtung Schattenseite. Bleibe so. Eine, zwei oder drei Minuten und erst wenn du meinst, jetzt magst du die Augen wieder öffnen, dann blinzle zuerst einige Male noch im Schutz der hohlen Hände und führe die Hände dann erst langsam weg, bis du wieder frei und offen schaust.

Augenübung über die Füße: Einfach ausprobieren! Lege dich flach hin, Beine und Arme locker gerade ausgestreckt. Beginne mit einem Bein. Schiebe den grossen Zeh nach vorne und lass ihn wieder in die Ausgangsposition zurückschwingen. Wie findet sich das mit dem Ein- und Ausatem  zusammen? Mache das einige Male und beobachte, welche Gelenke, welche Muskeln im Fuß bewegen sich? Und weiter: Wie pflanzt sich die Bewegung der Gelenke und Muskeln im Körper weiter nach oben? Spürst du die Bewegung bis zum Knie oder noch höher, bis zur Hüfte? Bewegen sich womöglich auch noch der Rücken, die Schulterblätter, der Hals oder Kopf? Wenn der Körper entspannt und locker ist, wird die Bewegung von unten bis oben spürbar. Dann weiter, immer noch mit demselben Bein. Schiebe die Ferse nach vorne und lass sie wieder zurückschwingen. Beobachtung des Atems und Fortpflanzung der Bewegung wie vorher. Dann dreh den Fuß nach rechts und wieder zurück. Als nächstes dreh den Fuß nach links, später mache eine Drehung, beschreibe einen ganzen Kreis mit dem Fuß. Jedes mehrmals im persönlichen Atemrhythmus und nach der Dehnung locker zurück in die Ausgangsposition. Immer die gleichen Beobachtungen. Dann vergleiche diese Seite mit der anderen, dann erst das andere Bein. Und dann auch gerne beide Beine zugleich. Eventuell kann vorheriges leichtes Abklopfen die Durchlässigkeit fördern und die Verbindung von Fuß bis Kopf wird deutlicher. Und was erleben deine Augen bei dieser Übung? Spürst du, wie sie die jeweilige Bewegung mitmachen? Eine indirekte Augenbewegung über die Füße im eigenen Atemrhythmus. Ideal nicht nur in der Praxis für Klienten sondern auch für sich selbst abends im Bett vor dem Einschlafen oder am Morgen nach dem Aufwachen.

Krafttraining für die Augenmuskeln: Die Augen liegen ganz ruhig in deiner Augenhöhle. Der Kopf bleibt ruhig, dann schiebst du beide Augäpfel nach links und lässt sie wieder in die Ausgangsposition zurückschwingen. Wie findet sich der Atemrhythmus dazu? Einige Male, dann nach rechts, immer wieder zur Mitte zurück. Dann nach vorne und wieder zur Mitte, dann nach hinten, dann nach oben, dann nach unten, nach schräg rechts oben, unten, links schräg oben, unten. Ganz gemütlich, immer wieder zur Mitte. Dann die Augen schließen, die warm geriebenen Hände als Schalen vor die Augen zur Entspannung legen und erst nach der Erholung die Hände langsam von den geschlossenen, dann blinzelnden Augen lösen und die Augen langsam wieder öffnen. Achtung – für Ungeübte kann das sehr anstrengend sein, daher anfangs nicht zu oft und nicht zu lange.

Bei dieser Augenübung – haben da nicht auch die Ohren mitgeschwungen? Nicht bemerkt? Dann gleich nochmals, vielleicht vorher noch den Kopf leicht abklopfen. Dann nimm ein Ohr in deine Hand und drehe es im Kreis, Jeden Kreis mit einem Atemzug. Dann die andere Richtung, näher am Ohr, weiter weg ziehen vom Ohr, verschiedene Varianten ausprobieren. Dann vergleichen und dann das andere Ohr. Dann beide Ohren gleichzeitig nach außen ziehen, die Verbindung dazwischen spüren und wieder zurückschwingen. Einige Male. Dann die warm geriebenen Hände als Schalen vor die Ohren legen, die Hände leicht aufdehnen und wieder zurückschwingen lassen, die Verbindung zwischen den Ohren wahrnehmen.

Dann nimm einen Punkt oben am Ohr zwischen zwei Finger, drücke leicht und ziehe nach aussen, wieder lockerlassen, der Atem folgt. Dann einen Finger breit weiter, das gleiche, immer wieder einen Finger breit weiter rund um das Ohr bis hinunter zum Ohrläppchen. Beide Ohren vergleichen, dann das andere Ohr. Zuletzt beide Ohren zugleich.

So wie Sehen und Hören eng miteinander verbunden sind, so hängen auch Riechen und Schmecken zusammen, werden im Dialekt oft sogar synonym verwendet. Rieche an verschiedenen Lebensmitteln und Gerichten oder anderen Düften und beobachte deinen Atem. Wie riechst du selbst, welchen Geruch verströmen die Menschen um dich herum? Wen magst du riechen, wen nicht und warum? Den Gerüchen sind wir ziemlich ausgeliefert, wir können die Nase nur kurz verschließen gegen einen schlechten Geruch, da hilft sonst nur weggehen.

Beim Schmecken können wir noch rechtzeitig ausspucken, wenn uns etwas nicht entspricht – wenn wir es schmecken! Wie aufmerksam isst und schmeckst du? Wie reagiert dein Atem auf Süsses, Scharfes, Saures, Bitteres, Salziges? Schmecken können wir im Mund, je länger wir etwas im Mund behalten, umso besser können die Geschmackszellen wahrnehmen. Daher sollten wir möglichst nicht beim Essen schlingen und alles schnell runterschlingen, sondern uns Zeit nehmen zum Kauen.  Nimm einen Bissen Brot und zähle, wie oft du kaust. Beobachte deine Kaubewegung. Es ist pure Kopfmassage und schon der erste Schritt zur Verdauung mit der Speichelproduktion.

Dann Zahnfleischmassage: halte deinen Kopf gerade, die Kiefer locker übereinander. Drücke mit einem Finger auf das Zahnfleisch in der Mitte der unteren Zähne, drücken und loslassen, im Atemrhythmus, dann Finger um Finger weiterrücken nach hinten bis ans Ende des Unterkiefers, dann wieder zurück bis zur Mitte. Dann das gleiche beim Oberkiefer an der gleichen Seite von der Mitte nach hinten und wieder zurück. Links und rechts vergleichen, dann das gleiche mit der anderen Seite.

Zuletzt halte den Kopf entspannt gerade, die Lippen sind geschlossen. Nun tue so, als möchtest du den Mund öffnen, aber die Lippen bleiben aneinander, wieder lockerlassen. Mehrmals wiederholen und den Atemrhythmus beobachten. Was spürst du alles? Die Weite des Mund- und Rachenraumes, wie wirkt das auf Augen und Ohren und Nase? Und nicht zuletzt auf deine Gesichtshaut, Kopfhaut und Haare? Wir beobachten immer das Weiter- und Schmalwerden beim Ein- und Ausatem, die Ruhe in der Pause. Die Aufmerksamkeit direkt auf die Haut, unser Tast- und Fühlorgan, geht dabei leicht verloren. Wenden wir uns doch einmal direkt unserer Haut zu, wie sie bei jedem Atemzug unmittelbar immer in Bewegung ist, sich permanent dehnt und wieder lockert. Wie nehme ich meine Haut in dieser ihrer Bewegung wahr, da wo sie gerade direkt nackt an der Luft ist, unter meinem Pullover oder anderen Kleidungsstücken, in meinen Strümpfen oder Socken, in der Enge oder Nähe mit meiner Unterwäsche? Wie reagiere ich oder mein Atem, wenn meine Haut Wolle fühlt oder Kunstfaser, Holz oder Metall, trocken, feucht oder nass, wenn ich mich selbst oder jemand anderen berühre, oder selbst angefasst werde? Bekommt meine Haut genug Licht und Luft zum Atmen?

atem austria: Du hast auch geschrieben?

Silvia: Ja, ich habe immer gerne geschrieben. Ich habe jahrelang eine Hauszeitschrift für meine Praxis LebensQuell herausgegeben, im Buch:  AtemWege von Stefan Bischof durfte ich mit einem Kapitel über «Atmen für die Augen» mitmachen und meine Diplomarbeit in Atempsychotherapie ist später erschienen unter dem Titel «Siehst du meine Tränen? Über den Zusammenhang zwischen Sehstörungen und Larvierter Depression». Bei der Arbeit dazu war es bemerkenswert zu entdecken, dass praktisch alle befragten Personen sich deutlich erinnern konnten, dass es irgendeine belastende Situation in ihrem Leben gegeben hatte, als sie zum ersten Mal bemerkten, dass sie schlecht sehen. Die Folge war eine Brille und die blieb dann oft nicht hinterfragt für das weitere Leben. Jede Brillenträgerin darf das für sich gerne noch einmal für sich psychosomatisch hinterfragen. Kürzlich ist jedoch mein besonderes neues Buch erschienen: «Astrologie: nicht glauben – erleben!»

atem austria: Hat denn Astrologie etwas mit Atemarbeit zu tun?

Silvia: Zuerst einmal gar nichts. Allerdings, als mir seinerzeit jemand ein Horoskop erstellte und mich die so treffenden Aussagen zu meiner Person vollkommen verblüfften, wollte ich das auch können und habe es erlernt. Die Astrologie hat mich seither mein Leben lang begleitet und war mir auch in der Atemarbeit öfters eine wertvolle Hilfe. So konnte ich über das Geburtsdatum die Problematik einer Klientin manchmal durchaus besser einordnen, verstehen und direkter darauf eingehen. Etliche Jahre hindurch habe ich auch Astrologie-Kurse gegeben. Jeweils einen Tag zu dem Zeichen, das gerade aktuell ist, um so die Qualität dieser Zeit bewusster zu erleben, sei es für die Prägung der Neugeborenen genauso wie für alle bereits Lebenden, wie sie die jeweilige Energie der Tierkreiszeichen in ihrem Alltag erleben, egal in welchem Zeichen sie selbst geboren sind. Das fördert das Verständnis für das eigene Verhalten wie für das der Mitmenschen. Dieses Buch:  «Astrologie: nicht glauben – erleben!» ist eine Zusammenfassung all dieser Erfahrungen. Die Leser entdecken, wie die Tierkreiszeichen ein Abbild sind der sich im Lauf des Jahres wandelnden Natur. Zahlreiche praktische Übungen zu den verschiedenen Lebensbereichen, immer wieder in Verbindung mit dem Atem, und Fragen zur persönlichen Reflexion geben einen Einblick in die faszinierende Welt der Astrologie. Mehr findet ihr unter: www.page-on-page.com/kockel

atem austria: Was möchtest du unseren Leser:innen mitgeben?

Silvia: Ich möchte alle motivieren, selbst auf Entdeckungsreise zu gehen.  Praktisch alle Übungen, egal aus welcher Richtung, können wir mit dem Atem verbinden und individuell tiefer erleben. Bleiben wir kreativ und probieren wir aus. Manche Übungen sind gut, wichtig und richtig mit der Aufmerksamkeit auf der Bewegung oder verschiedenste Ziele, wir können aber alles auch mit dem Atem kombinieren, frei fließend oder geführt, je nach Situation und Bedarf. Und den Atem erleben wir in sämtlichen Lebensgebieten, er ist immer ein wertvoller Gradmesser, was tut mir gut und was weniger. Wir haben ein einzigartiges Werkzeug zur Hand für unsere Gesundheit und Lebenszufriedenheit. Nutzen wir es!

atem austria: Liebe Silvia, vielen Dank für diese neuen Aspekte in die Atemarbeit die wir so vielleicht noch gar nicht beachtet haben und auch das du uns die Übungen zur Verfügung stellst. Wir sind gespannt auf das Feedback unserer Leser:innen und wünschen dir auf jeden Fall viel Erfolg für deine weitere Arbeit und vor allem auch für dein Buch.

1. April 2025


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