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Buchrezension „Ganzheitliche Atemtherapie als Teil der Naturheilkunde“

von Christina Buder,

Im Jahr 2025 erschien im für medizinische Fachpublikationen renommierten Urban & Fischer
Verlag/Elsevier die 8. Auflage des 1993 erstmals veröffentlichten Leitfaden Naturheilkunde.
Unserem Kollegen Stefan Bischof ist es zu verdanken, dass die Arbeit mit dem Atem von der
ersten Auflage an Aufnahme in diese Fachpublikation fand. In der aktuellen Ausgabe
werden über 40 anerkannte Naturheilverfahren in Theorie und Praxis vorgestellt und das
Kapitel Ganzheitliche Atemtherapie wird nunmehr von der Middendorf-Therapeutin
Ingeborg Becker verantwortet.

Becker bezieht sich dabei explizit auf die inspirierenden Vorreiter:innen der Atempädagogik
wie z.B. Veening, C.G. Jung und Richter, auf die Grand Dame des Erfahrbaren Atems Ilse
Middendorf sowie auf Glaser, Alexander (Eutonie®) und Höller-Zangenfeind (Atem-Tonus
Ton®) und in weiterer Folge auf deren aktuelle VertreterInnen wie z.B. Kemmann-Huber (Der
bewusste zugelassene Atem) und Faller (Ganzheitliches Atemerleben®). Sie beschreibt die
Wirkweisen und Intentionen als „übendes, aktives oder rezeptives, eutonisierendes,
erfahrungs- und ressourcenorientiertes, leibtherapeutisches nicht suggestives (Behandlungs
)verfahren“, das pädagogisch, klinisch und körperpsychotherapeutisch eingesetzt werden
kann. Die hier als ganzheitliche Atemtherapie und damit als Leibtherapie bezeichnete
Methode versteht den Menschen als Einheit von Körper-Geist-Seele und bezieht auch die
Persönlichkeitsentwicklung als Intention der atempädagogischen Interventionen ein. Der
Atem wird als Spiegel der Persönlichkeit wahrgenommen. Damit grenzt sie sich ganz
bewusst zur offiziell als Atemtherapie bezeichneten Arbeit im Rahmen der Physiotherapie
ab, die zielgerichtet die Ökonomisierung der Atmung anstrebt. Ilse Middendorf selbst
bezeichnete ihre Arbeit sogar eher als Atemkunst.

In aller Kürze wird auf die Arbeitsweisen für die Einzelarbeit auf der Liege und die
Gruppenarbeit auf dem Hocker eingegangen. Alle Themen der atempädagogischen
Ausbildung, wie sie in Österreich zuletzt bei Norbert Faller unterrichtet wurden, werden
gestreift: das Zusammenspiel von Empfinden – Sammeln – Atmen und besonders auch das
Benennen und Reflektieren, durch das Stefan Bischof die Methode erweiterte und womit sie
ein Alleinstellungsmerkmal unter den Atemmethoden bekommen hat. Weiters werden die
Bedeutung und Bezüge der Atemräume und der Atembewegung; die intuitive
Kommunikation mit den Klient:innen mittels Atemgespräch und wie Nachspüren und
Rückmeldungen in den Ablauf einer Sitzung integriert werden angesprochen. Deutlich wird
auch, dass die Methode als Regulationstherapie klient:innenzentriert, ressourcen- und
lösungsorientiert ist. Beispiele für Indikationen sowie Abrechnungshinweise für deutsche
Privatkrankenkassen (GOÄ 847 und GebüH) ergänzen den kurzen Überblick.
Es ist überraschend, dass mit Ganzheitlicher Atemtherapie ganz offensichtlich die
Atempädagogik gemeint ist, so wie sie in Österreich in unserem Berufsverband atem austria
angewendet und in Kursen weitervermittelt wird. Sie ist damit überhaupt die einzige
aufgelistete Atemarbeit und zum Erstaunen nicht die so gehypten – aber eben nicht
ganzheitlichen – Methoden wie z.B. Buteyko oder Holotropes Atmen ®.

Die Zielgruppen des Leitfadens sind explizit ÄrztInnen aber auch HeilpraktikerInnen, die
hierzulande ja gar nicht existieren. Auch Atempädagog:innen haben in Deutschland ein viel
weiteres Berufsfeld, speziell in medizinischen Institutionen. Der Begriff „Therapie“ ist in
unserem Land den Ärzt:innen und Physiotherapeut:innen vorbehalten und wird auch
aggressiv uns gegenüber verteidigt. Noch diskutabler ist die Definition von
Naturheilverfahren, unter die hier die Atemarbeit subsumiert wird: „Naturheilverfahren sind
medizinische Heilmethoden die zur Vorbeugung, Heilung oder Linderung von Krankheiten
dienen, sie fördern selbstregulierende Kräfte“. Als Atempädagog:innen in Österreich ist uns
die Arbeit an Kranken verboten, eine entsprechende heilende Wirkung unserer
Ateminterventionen wird gänzlich in Abrede gestellt – auch wenn unser Erfahrungswissen
ein ganz anderes ist. Im Leitfaden wird aber ebenfalls eine Situation beschrieben, die als
Abwehrkampf gegen die Begehrlichkeiten der Schulmedizin bezeichnet wird: auch in
Deutschland verhält sich die Politik zunehmend ablehnender gegenüber Naturheilverfahren.
Daher wären mehr valide Studien zur Wirksamkeit in dieser kritischen Phase sehr erwünscht.

Ich finde es erfreulich, dass unsere spezielle Atemarbeit in Deutschland doch soweit
anerkannt ist, dass sie in diesem Leitfaden Aufnahme findet. Als gelernte Atempädagogin
kann ich den Ausführungen folgen bzw. teilweise intuieren, aber das Verständnis gewisser
Begriffe wie Koregulation, Kohärenz und Containment kann selbst von einem interessierten
Lesepublikum nicht erwartet werden, hier wäre mehr Erklärung hilfreich, ebenso wären ein
paar anschaulichere Beispiele erhellend. Es zeigt sich für mich wieder einmal, dass es
extrem schwierig ist, die Arbeits- und Wirkweise der Atempädagogik zu erklären und
interessant zu machen. Es ist dringend notwendig, eine frischere, zeitgemäße Sprache zu
entwickeln, die auch ein jüngeres Publikum anspricht, damit die an wunderbaren Wirkungen
so reiche Atemmethode noch lange in der Welt ihre Verbreitung findet.

Der komplette Text „Ganzheitliche Atemtherapie“ ist auch per Computer unter dem Link
https://www.amazon.de/Leitfaden-Naturheilkunde-Methoden-praktische
Anwendung/dp/3437550497?asin=B0DSDXH9HJ&revisionId=7dcd3420&format=3&depth=1
als Leseprobe auf Amazon (Position 3663 von 4862 bei 73 %) digital einsehbar.

Becker, Ingeborg: Ganzheitliche Atemtherapie. In: Schmiedel V, Matejka R, Rajput-Khokhar A:
Leitfaden Naturheilkunde. 8. Auflage. München: Urban & Fischer Verlag/Elsevier GmbH; 2025.
ISBN 978-3437550492. 1360 S., 86,00 EUR.

26. Oktober 2026


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